Versetzen wir uns kurz in das Jahr 1955. Auf den westdeutschen Straßen dominierte das bescheidene, graue oder schwarze Standard-Blech des aufkeimenden Wirtschaftswunders. Wer es geschafft hatte, zeigte das stolz im Mercedes „Adenauer“ oder im eleganten Opel Kapitän. Der Rest der Bevölkerung konnte sich zu dieser Zeit oftmals nicht einmal einen nackten VW (später als Käfer bekannt) leisten – geschweige denn überhaupt irgendeinen fahrbaren Untersatz.
Und dann das: Zwischen all den braven Nachkriegs-Vehikeln und zäh überlebenden Vorkriegswagen parkt plötzlich ein Ungetüm, das die engen deutschen Parklücken sprichwörtlich sprengt. Ein (T)Raumschiff aus einer anderen Welt – der 1955er Cadillac. Mit fast 5,80 Metern Länge und einer extragroßen Portion Chrom bewies General Motors damals, dass man in Detroit nicht in Zentimetern, sondern in Quadratmetern dachte. Diese „Amischlitten“ oder – um den Dreh zum Schiff zu bekommen – „Straßenkreuzer“ passten eigentlich so gar nicht in das europäische Straßenbild. Wer hierzulande Cadillac fuhr, dem gehörte die Welt – oder zumindest die Showbühne. Zumal das bärenstarke Triebwerk kraftvoll die wenigen Kilometer deutscher Autobahnen zu beherrschen vermochte – und dabei freilich einen gewaltigen Durst an den Tag legte.
Wie utopisch der Cadillac leistungstechnisch wirkte, zeigt der Blick in die technischen Datenblätter von 1955. Während Cadillac serienmäßig mit einem fetten 6,0-Liter-V8 und satten 250 PS protzte, backte die deutsche Elite deutlich kleinere Brötchen: Der noble Mercedes 300c („Adenauer“) holte aus seinen sechs Zylindern und 3,0 Litern Hubraum gerade einmal 125 PS. Der im Alltag weitaus häufigere Opel Kapitän musste mit seinem 2,5-Liter-Reihensechszylinder und schmalen 71 PS auskommen. Und selbst der legendäre BMW 502 „Barockengel“ – immerhin Deutschlands ganzer Stolz als erster heimischer Nachkriegs-V8 – wirkte mit seinen 2,6 Litern Hubraum und 85 PS gegen das Detroiter Kraftpaket wie ein braves Pony. Der Cadillac hatte schlicht den doppelten Hubraum und die dreifache Leistung eines gehobenen deutschen Direktionswagens!
Schaffen wir den Dreh vom „blonden Hans“ bis zum King of Rock ’n’ Roll … denn dass diese Straßenkreuzer magischen Charme versprühten, zog natürlich die Prominenz an wie das Licht die Motten. Die absolute Krönung der Popkultur, Elvis Presley, ist untrennbar mit diesem Auto verbunden. Der King kaufte sich im Juli 1955 einen Fleetwood Series 60. Geliefert wurde der übrigens im braven Blau mit schwarzem Dach. Weil Elvis den Wagen aber seiner Mutter schenken wollte und kurz zuvor einen pinken Cadillac besungen hatte, ließ er den Schlitten kurzerhand in ein eigens kreiertes Rosa namens „Elvis Rose“ umlackieren. Nach einem kleinen Blechschaden im Folgejahr kam noch das markante weiße Dach hinzu – fertig war die Ikone, die heute im Presley Motors Automobile Museum auf seinem alten Wohnsitz Graceland in Memphis/Tennessee besichtigt werden kann.
Aber man musste gar nicht über den Atlantik schauen, um Cadillac-Verrückte zu finden. Auch der legendäre UFA-Star Hans Albers, der „blonde Hans“, schipperte für sein Leben gern im dicken Ami-Schlitten über die Hamburger Reeperbahn und um den Starnberger See – nur eben nicht mit einem Kapitän, wie man es angesichts seiner Vita und seiner Liedkunst vermuten könnte. Allerdings mit einer herrlichen Portion Ironie: Albers besaß zeitlebens keinen Führerschein! Der härteste Kerl der Kinoleinwand hatte für seinen dunkelblauen 1951er Series 62 Sedan stets einen Chauffeur auf dem Vordersitz. Eben dieser Albers-Dampfer landete später im berühmten Automobilmuseum von Fritz B. Busch in Wolfegg. Brekina nutzte diese emotionale Verbindung übrigens jüngst für ein Video – Marketing, obwohl das eigene Modell eines Cadillacs dazu so gar nicht passt.
Wer nun beim Fachhändler vor der Modellvitrine steht, sollte die Cadillac-Hierarchie des Modelljahres 1955 kennen. Die Amerikaner teilten ihre Luxusklasse penibel auf und es bedeutete auch eine Karosserie-Hierarchie mit „Fisher gegen Fleetwood“. Der Series 62 (Der Standard) war die „Massenware“ im Premiumsegment. Die Karosserien liefen bei der GM-internen Schmiede Fisher Body vom Band (erkennbar an den berühmten „Body by Fisher“-Einstiegsleisten). Ein bildschönes Auto, aber eben das Basis-Modell der Oberklasse. Dagegen war der Series 60 Special (Der Fleetwood, gerne auch nur „Sixty Special“ genannt) die luxuriösere Variante und ist das Modell, das sich Brekina als Formneuheit herausgepickt hat. Hier legte die exklusive Edelschmiede Fleetwood Hand an. Die Abbildungen zeigen links einen 55er Series 62, rechts einen 56er Series 60 Special.
Und wie unterschied man die beiden viertürigen Limousinen (Sedans) im Alltag? Dafür musste man schon genauer hinschauen. Der Fleetwood besaß einen längeren Radstand für fürstliche Beinfreiheit im Fond. Das unverkennbare optische Highlight waren jedoch die 12 markanten, vertikalen Chromschlitze (Louvers) an den unteren Flanken der hinteren Kotflügel – die Series 62 hatte dort nur eine angedeutete Zier-Hutze. Zudem gönnte Fleetwood dem Top-Modell eine deutlich filigranere, schlankere B-Säule und üppigere Chromrahmen um die Fenster, was der Seitenlinie trotz der Größe eine ungeheure Filigranität und Leichtigkeit verlieh.
Während die tiefschwarzen Varianten des Fleetwood traditionell die erste Wahl für die Wall Street, Banker und Politiker in den Chefetagen waren, tobte sich die zivile Kundschaft in einem wahren Technicolor-Rausch aus. Genau diesen Spagat bringt Brekina nun im H0-Maßstab 1:87 auf die Straße ... und wir landen zwischen edlem Hochglanz und der Spurensicherung.
Starten wir mit dem schwarzen Fleetwood, der in seiner eleganten Monochromie einfach irre und ungemein edel wirkt. Kein Geringerer als Kinolegende Morgan Freeman chauffierte im Filmklassiker „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ Jessica Tandy als Miss Daisy u.a. in genau einem solchen tiefschwarzen 1955er Fleetwood-Topmodell durch den amerikanischen Süden. Wer sich dieses automobile Stück Hollywood-Geschichte auf die Anlage holt, merkt beim Auspacken jedoch schnell, dass die hochglänzende Oberfläche Staubkörner geradezu magisch anzieht. Jedes noch so vorsichtige Anfassen wird umgehend mit sichtbaren Fettflecken belohnt, sodass man das Modell eigentlich nur mit feinen Baumwollhandschuhen dirigieren möchte. Wer diesen Wagen auf ein Diorama oder Fremodul stellt, sollte den Staubwedel stets griffbereit halten.
Ganz andere Herausforderungen stellt das rosa Elvis-Modell – und zwar nicht an die Pflege, sondern an den Fotografen. Dieses zarte Pastell-Rosa in Kombination mit dem strahlend weißen Dach und den funkelnden Chromleisten ist eine echte Herausforderung, die es beim Knipsen erst einmal zu knacken gilt. Erst vor einem leicht gräulichen Hintergrund gelingt es der Kamera, die feinen Konturen und den speziellen Farbton einzufangen, ohne dass das Modell im Sucher überstrahlt oder farblich komplett wegbricht.
Der Lohn der Mühe ist jedoch ein fantastisches Bild zweier ungleicher Brüder: Hier die gediegene Wall-Street-Eleganz, dort der extrovertierte Rock-’n’-Roll-Traum. Als gedankliche Akustik erklingt dabei vielleicht gar nicht mal der typische Elvis-Sound, sondern vielmehr das dumpfe Geblubber des V8, das stilvoll den integrierten Auspuffrohren in der Heckstoßstange zu entweichen scheint – ein Detail, das Brekina übrigens wunderbar plastisch umgesetzt hat.
Schaut man sich nun die Details genauer an, zeugen präzise ausgerichtete Drucke von Liebe zum Detail. Auch der üppige Chromschmuck des Originals findet sich am Modell wieder. Der Kühlergrill wirkt je nach Lichteinfall herrlich tief im Gitter. Flankiert wird er von den beiden Stoßzähnen und darüberliegenden, in Silberung eingefassten Scheinwerfergläsern. Das Goldene V hebt sich besonders beim schwarzen Modell sehr stark ab. Seitliche Leisten, auf den vorderen Kotflügeln mit stolzem Cadillac-Schriftzug sowie Schwellerleisten unterstreichen den Anspruch an Luxus. Und siehe da, hinten sich tatsächlich die zwölf Chromschlitze vorhanden. Die Chromeinfassung der Scheiben auf den markant filigranen Fensterstegen lässt keinen Wunsch offenoffen und die Verglasung bietet den nötigen Durchblick, um im Innenraum auf die originalgetreu umgesetzte Innenausstattung schauen zu können. Das Rot beim schwarzen Banker und das helle Grauweiß für Elvis passen hervorragend zu den Fahrzeugen und der Zeit, aus der sie stammen.
An der Flanke bleibend, fällt ein besonders beim Fleetwood ausgeprägtes Detail ins Auge. Einen echten optischen Kontrast bietet ein tiefrotes, wie ein edler Rubin wirkendes Medaillon in der Mitte der Radkappe. Selbst im H0-Maßstab hat Brekina dem markentypischen Statussymbol der Fünfziger Rechnung getragen. Und dann dieses Heck! Der heruntergezogene Radlauf bringt eine sehr niedrige wie elegante Optik. Das große V im goldenen Druck mit dem ebenso goldenen, darüberstehenden „Fleetwood“-Schriftzug auf der noch aus der Pontonära stammenden Kofferraumklappe gibt auch einem eventuell noch mithalten könnenden Verfolger die klare Nachricht: Hier fährt der Chef. Schaut man ganz genau hin und gleicht es mit dem Original ab, erkennt man unter der Spitze des V sogar einen winzigen silbernen Farbtupfer – Brekina hat hier tatsächlich das filigrane Heckklappenschloss im Maßstab 1:87 in etwas zu langer Ausführung nachgebildet. Zwischen Kofferraumklappe und Heckstoßstange gibt es zudem senkrechte Chromrippen, die dem Verfolger gemeinsam mit der Kennzeicheneinfassung keck entgegen grinsen. Die roten Rückleuchten aus klarem Kunststoff wirken wie kleine Augen und deuten bereits die automobile Zukunft an: Hier wachsen langsam die ersten Heckflossen, die beim 55er Jahrgang noch als dezente Bürzel ausgeführt sind.
Leider offenbaren die Makroaufnahme die leichten Macken, die das Blisterinlay insbesondere auf der Kofferraumklappe des schwarzen Modells hinterlässt. Unmittelbar an den Bedruckungen mit dem goldfarbenem Schriftzug wird das Wegpolieren zu einer Gradwanderung. Die Passung an der vorderen Stoßstange ist beim Pinkfarbenen nicht ganz korrekt, was sich allerdings schnell beheben lässt. Die Heckstoßstange des gleichen Modells wirkt im Makro bereits leicht ankorrodiert und patiniert, aus einem vernünftigen Abstand ist das aber kaum zu sehen. Natürlich, erst im Makro werden leichte Ausfransungen im Tampondruck erkennbar. Das Makro ist da gnadenlos, zum Glück ist das nicht der übliche Abstand auf dem Diorama.
Bleibt am Ende des historischen Exkurses eigentlich nur noch eine Frage offen: Warum hat sich Brekina ausgerechnet den exklusiven, nur knapp über 18.000-mal gebauten Fleetwood Sixty Special als Formneuheit herausgepickt und nicht den viel alltäglicheren Series 62 Sedan, der mit über 44.000 Einheiten das wahre Straßenbild im Amerika der Fünfziger weitaus mehr prägte?
Die Antwort darauf liegt vermutlich in einer cleveren Mischung aus Popkultur und Modellbaustrategie. Zum einen ist da natürlich der unschlagbare „Elvis-Faktor“: Der King fuhr nun mal das Fleetwood-Topmodell – und ein pinker Cadillac ohne die charakteristischen 12 Chromschlitze an den hinteren Kotflügeln hätte bei den Sammlern wohl für eine herbe Enttäuschung gesorgt. Zum anderen bietet die Fleetwood-Karosserie mit ihren feinen Zierelementen und der schlanken B-Säule im exakten H0-Maßstab 1:87 schlicht optisch mehr fürs Auge als die glattere und sogleich grober wirkende Basis-Großserie. Und wer weiß – vielleicht konnte hier sogar auf bestehende Daten des Modells von Greenlight (1:18) zurückgegriffen werden, die bereits in den digitalen Archiven des Formenbaus schlummerten und für den H0-Maßstab adaptiert wurden. Für uns Modellbauer, teils Modellbahner, teils Sammler ist diese Wahl jedenfalls ein echter Segen, auch wenn der von mir immer wieder propagierte Alltag für unsere Modellstraßen bei diesem exklusiven Vorbild verständlicherweise leicht auf der Strecke bleibt.
Der Blick in die Zukunft mit einem Gruß aus Hollywood und Teningens "Phantom-Sheriff":
Verständlicherweise wird Brekina es nicht bei den bisherigen Farbvarianten belassen. Es sind weitere Varianten angekündigt. Dass es die Modellbauer mit der historischen Vorbildtreue bei den Farbvarianten manchmal nicht ganz so genau nehmen, zeigt die Ankündigung des Polizeifahrzeugs. Hier mutiert der edle Fleetwood Sixty Special plötzlich zum US-Sheriff-Fahrzeug im klassischen „Black & White“-Look samt roter Dach-Rundumleuchte und einem dicken, stilisierten Stern auf der Vordertür. Spätestens hier darf der zeithistorisch interessierte Sammler laut schmunzeln: Dass ein US-County in den Fünfzigern sein knappes Budget für das sündhaft teure Cadillac-Topmodell geplündert hätte, um damit auf staubigen Highways Temposünder zu jagen, gehört wohl eher ins Reich der Hollywood-Fantasie. Die echten Cops mussten sich bekanntermaßen mit deutlich profaneren Fords, Chevrolets oder maximal einem Buick begnügen. In der Realität blicken wir hier natürlich auf das klassische Phänomen des „Formenmelkens“: Der Formenbau für das Fleetwood-Luxusschiff war teuer, und um die Entwicklungskosten wieder einzuspielen, muss die Form maximal variantenreich ausgereizt werden. Für den typischen Modellbahner, der einfach nur ein bisschen klischeehaftes „Route 66“-Flair für seine Anlage sucht, reicht diese optische Illusion vollkommen aus. Ein hübscher, wenn auch fiktiver Hingucker bleibt der „Prunk-Cop“ für die Vitrine allemal!
Und dann das: Zwischen all den braven Nachkriegs-Vehikeln und zäh überlebenden Vorkriegswagen parkt plötzlich ein Ungetüm, das die engen deutschen Parklücken sprichwörtlich sprengt. Ein (T)Raumschiff aus einer anderen Welt – der 1955er Cadillac. Mit fast 5,80 Metern Länge und einer extragroßen Portion Chrom bewies General Motors damals, dass man in Detroit nicht in Zentimetern, sondern in Quadratmetern dachte. Diese „Amischlitten“ oder – um den Dreh zum Schiff zu bekommen – „Straßenkreuzer“ passten eigentlich so gar nicht in das europäische Straßenbild. Wer hierzulande Cadillac fuhr, dem gehörte die Welt – oder zumindest die Showbühne. Zumal das bärenstarke Triebwerk kraftvoll die wenigen Kilometer deutscher Autobahnen zu beherrschen vermochte – und dabei freilich einen gewaltigen Durst an den Tag legte.
Wie utopisch der Cadillac leistungstechnisch wirkte, zeigt der Blick in die technischen Datenblätter von 1955. Während Cadillac serienmäßig mit einem fetten 6,0-Liter-V8 und satten 250 PS protzte, backte die deutsche Elite deutlich kleinere Brötchen: Der noble Mercedes 300c („Adenauer“) holte aus seinen sechs Zylindern und 3,0 Litern Hubraum gerade einmal 125 PS. Der im Alltag weitaus häufigere Opel Kapitän musste mit seinem 2,5-Liter-Reihensechszylinder und schmalen 71 PS auskommen. Und selbst der legendäre BMW 502 „Barockengel“ – immerhin Deutschlands ganzer Stolz als erster heimischer Nachkriegs-V8 – wirkte mit seinen 2,6 Litern Hubraum und 85 PS gegen das Detroiter Kraftpaket wie ein braves Pony. Der Cadillac hatte schlicht den doppelten Hubraum und die dreifache Leistung eines gehobenen deutschen Direktionswagens!
Schaffen wir den Dreh vom „blonden Hans“ bis zum King of Rock ’n’ Roll … denn dass diese Straßenkreuzer magischen Charme versprühten, zog natürlich die Prominenz an wie das Licht die Motten. Die absolute Krönung der Popkultur, Elvis Presley, ist untrennbar mit diesem Auto verbunden. Der King kaufte sich im Juli 1955 einen Fleetwood Series 60. Geliefert wurde der übrigens im braven Blau mit schwarzem Dach. Weil Elvis den Wagen aber seiner Mutter schenken wollte und kurz zuvor einen pinken Cadillac besungen hatte, ließ er den Schlitten kurzerhand in ein eigens kreiertes Rosa namens „Elvis Rose“ umlackieren. Nach einem kleinen Blechschaden im Folgejahr kam noch das markante weiße Dach hinzu – fertig war die Ikone, die heute im Presley Motors Automobile Museum auf seinem alten Wohnsitz Graceland in Memphis/Tennessee besichtigt werden kann.
Aber man musste gar nicht über den Atlantik schauen, um Cadillac-Verrückte zu finden. Auch der legendäre UFA-Star Hans Albers, der „blonde Hans“, schipperte für sein Leben gern im dicken Ami-Schlitten über die Hamburger Reeperbahn und um den Starnberger See – nur eben nicht mit einem Kapitän, wie man es angesichts seiner Vita und seiner Liedkunst vermuten könnte. Allerdings mit einer herrlichen Portion Ironie: Albers besaß zeitlebens keinen Führerschein! Der härteste Kerl der Kinoleinwand hatte für seinen dunkelblauen 1951er Series 62 Sedan stets einen Chauffeur auf dem Vordersitz. Eben dieser Albers-Dampfer landete später im berühmten Automobilmuseum von Fritz B. Busch in Wolfegg. Brekina nutzte diese emotionale Verbindung übrigens jüngst für ein Video – Marketing, obwohl das eigene Modell eines Cadillacs dazu so gar nicht passt.
Wer nun beim Fachhändler vor der Modellvitrine steht, sollte die Cadillac-Hierarchie des Modelljahres 1955 kennen. Die Amerikaner teilten ihre Luxusklasse penibel auf und es bedeutete auch eine Karosserie-Hierarchie mit „Fisher gegen Fleetwood“. Der Series 62 (Der Standard) war die „Massenware“ im Premiumsegment. Die Karosserien liefen bei der GM-internen Schmiede Fisher Body vom Band (erkennbar an den berühmten „Body by Fisher“-Einstiegsleisten). Ein bildschönes Auto, aber eben das Basis-Modell der Oberklasse. Dagegen war der Series 60 Special (Der Fleetwood, gerne auch nur „Sixty Special“ genannt) die luxuriösere Variante und ist das Modell, das sich Brekina als Formneuheit herausgepickt hat. Hier legte die exklusive Edelschmiede Fleetwood Hand an. Die Abbildungen zeigen links einen 55er Series 62, rechts einen 56er Series 60 Special.
Und wie unterschied man die beiden viertürigen Limousinen (Sedans) im Alltag? Dafür musste man schon genauer hinschauen. Der Fleetwood besaß einen längeren Radstand für fürstliche Beinfreiheit im Fond. Das unverkennbare optische Highlight waren jedoch die 12 markanten, vertikalen Chromschlitze (Louvers) an den unteren Flanken der hinteren Kotflügel – die Series 62 hatte dort nur eine angedeutete Zier-Hutze. Zudem gönnte Fleetwood dem Top-Modell eine deutlich filigranere, schlankere B-Säule und üppigere Chromrahmen um die Fenster, was der Seitenlinie trotz der Größe eine ungeheure Filigranität und Leichtigkeit verlieh.
Während die tiefschwarzen Varianten des Fleetwood traditionell die erste Wahl für die Wall Street, Banker und Politiker in den Chefetagen waren, tobte sich die zivile Kundschaft in einem wahren Technicolor-Rausch aus. Genau diesen Spagat bringt Brekina nun im H0-Maßstab 1:87 auf die Straße ... und wir landen zwischen edlem Hochglanz und der Spurensicherung.
Starten wir mit dem schwarzen Fleetwood, der in seiner eleganten Monochromie einfach irre und ungemein edel wirkt. Kein Geringerer als Kinolegende Morgan Freeman chauffierte im Filmklassiker „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ Jessica Tandy als Miss Daisy u.a. in genau einem solchen tiefschwarzen 1955er Fleetwood-Topmodell durch den amerikanischen Süden. Wer sich dieses automobile Stück Hollywood-Geschichte auf die Anlage holt, merkt beim Auspacken jedoch schnell, dass die hochglänzende Oberfläche Staubkörner geradezu magisch anzieht. Jedes noch so vorsichtige Anfassen wird umgehend mit sichtbaren Fettflecken belohnt, sodass man das Modell eigentlich nur mit feinen Baumwollhandschuhen dirigieren möchte. Wer diesen Wagen auf ein Diorama oder Fremodul stellt, sollte den Staubwedel stets griffbereit halten.
Ganz andere Herausforderungen stellt das rosa Elvis-Modell – und zwar nicht an die Pflege, sondern an den Fotografen. Dieses zarte Pastell-Rosa in Kombination mit dem strahlend weißen Dach und den funkelnden Chromleisten ist eine echte Herausforderung, die es beim Knipsen erst einmal zu knacken gilt. Erst vor einem leicht gräulichen Hintergrund gelingt es der Kamera, die feinen Konturen und den speziellen Farbton einzufangen, ohne dass das Modell im Sucher überstrahlt oder farblich komplett wegbricht.
Der Lohn der Mühe ist jedoch ein fantastisches Bild zweier ungleicher Brüder: Hier die gediegene Wall-Street-Eleganz, dort der extrovertierte Rock-’n’-Roll-Traum. Als gedankliche Akustik erklingt dabei vielleicht gar nicht mal der typische Elvis-Sound, sondern vielmehr das dumpfe Geblubber des V8, das stilvoll den integrierten Auspuffrohren in der Heckstoßstange zu entweichen scheint – ein Detail, das Brekina übrigens wunderbar plastisch umgesetzt hat.
Schaut man sich nun die Details genauer an, zeugen präzise ausgerichtete Drucke von Liebe zum Detail. Auch der üppige Chromschmuck des Originals findet sich am Modell wieder. Der Kühlergrill wirkt je nach Lichteinfall herrlich tief im Gitter. Flankiert wird er von den beiden Stoßzähnen und darüberliegenden, in Silberung eingefassten Scheinwerfergläsern. Das Goldene V hebt sich besonders beim schwarzen Modell sehr stark ab. Seitliche Leisten, auf den vorderen Kotflügeln mit stolzem Cadillac-Schriftzug sowie Schwellerleisten unterstreichen den Anspruch an Luxus. Und siehe da, hinten sich tatsächlich die zwölf Chromschlitze vorhanden. Die Chromeinfassung der Scheiben auf den markant filigranen Fensterstegen lässt keinen Wunsch offenoffen und die Verglasung bietet den nötigen Durchblick, um im Innenraum auf die originalgetreu umgesetzte Innenausstattung schauen zu können. Das Rot beim schwarzen Banker und das helle Grauweiß für Elvis passen hervorragend zu den Fahrzeugen und der Zeit, aus der sie stammen.
An der Flanke bleibend, fällt ein besonders beim Fleetwood ausgeprägtes Detail ins Auge. Einen echten optischen Kontrast bietet ein tiefrotes, wie ein edler Rubin wirkendes Medaillon in der Mitte der Radkappe. Selbst im H0-Maßstab hat Brekina dem markentypischen Statussymbol der Fünfziger Rechnung getragen. Und dann dieses Heck! Der heruntergezogene Radlauf bringt eine sehr niedrige wie elegante Optik. Das große V im goldenen Druck mit dem ebenso goldenen, darüberstehenden „Fleetwood“-Schriftzug auf der noch aus der Pontonära stammenden Kofferraumklappe gibt auch einem eventuell noch mithalten könnenden Verfolger die klare Nachricht: Hier fährt der Chef. Schaut man ganz genau hin und gleicht es mit dem Original ab, erkennt man unter der Spitze des V sogar einen winzigen silbernen Farbtupfer – Brekina hat hier tatsächlich das filigrane Heckklappenschloss im Maßstab 1:87 in etwas zu langer Ausführung nachgebildet. Zwischen Kofferraumklappe und Heckstoßstange gibt es zudem senkrechte Chromrippen, die dem Verfolger gemeinsam mit der Kennzeicheneinfassung keck entgegen grinsen. Die roten Rückleuchten aus klarem Kunststoff wirken wie kleine Augen und deuten bereits die automobile Zukunft an: Hier wachsen langsam die ersten Heckflossen, die beim 55er Jahrgang noch als dezente Bürzel ausgeführt sind.
Leider offenbaren die Makroaufnahme die leichten Macken, die das Blisterinlay insbesondere auf der Kofferraumklappe des schwarzen Modells hinterlässt. Unmittelbar an den Bedruckungen mit dem goldfarbenem Schriftzug wird das Wegpolieren zu einer Gradwanderung. Die Passung an der vorderen Stoßstange ist beim Pinkfarbenen nicht ganz korrekt, was sich allerdings schnell beheben lässt. Die Heckstoßstange des gleichen Modells wirkt im Makro bereits leicht ankorrodiert und patiniert, aus einem vernünftigen Abstand ist das aber kaum zu sehen. Natürlich, erst im Makro werden leichte Ausfransungen im Tampondruck erkennbar. Das Makro ist da gnadenlos, zum Glück ist das nicht der übliche Abstand auf dem Diorama.
Bleibt am Ende des historischen Exkurses eigentlich nur noch eine Frage offen: Warum hat sich Brekina ausgerechnet den exklusiven, nur knapp über 18.000-mal gebauten Fleetwood Sixty Special als Formneuheit herausgepickt und nicht den viel alltäglicheren Series 62 Sedan, der mit über 44.000 Einheiten das wahre Straßenbild im Amerika der Fünfziger weitaus mehr prägte?
Abb.: Ausgelieferte oder in Auslieferung befindliche Farbvarianten in echter "Pop-Kultur".
Die Antwort darauf liegt vermutlich in einer cleveren Mischung aus Popkultur und Modellbaustrategie. Zum einen ist da natürlich der unschlagbare „Elvis-Faktor“: Der King fuhr nun mal das Fleetwood-Topmodell – und ein pinker Cadillac ohne die charakteristischen 12 Chromschlitze an den hinteren Kotflügeln hätte bei den Sammlern wohl für eine herbe Enttäuschung gesorgt. Zum anderen bietet die Fleetwood-Karosserie mit ihren feinen Zierelementen und der schlanken B-Säule im exakten H0-Maßstab 1:87 schlicht optisch mehr fürs Auge als die glattere und sogleich grober wirkende Basis-Großserie. Und wer weiß – vielleicht konnte hier sogar auf bestehende Daten des Modells von Greenlight (1:18) zurückgegriffen werden, die bereits in den digitalen Archiven des Formenbaus schlummerten und für den H0-Maßstab adaptiert wurden. Für uns Modellbauer, teils Modellbahner, teils Sammler ist diese Wahl jedenfalls ein echter Segen, auch wenn der von mir immer wieder propagierte Alltag für unsere Modellstraßen bei diesem exklusiven Vorbild verständlicherweise leicht auf der Strecke bleibt.
Der Blick in die Zukunft mit einem Gruß aus Hollywood und Teningens "Phantom-Sheriff":
Verständlicherweise wird Brekina es nicht bei den bisherigen Farbvarianten belassen. Es sind weitere Varianten angekündigt. Dass es die Modellbauer mit der historischen Vorbildtreue bei den Farbvarianten manchmal nicht ganz so genau nehmen, zeigt die Ankündigung des Polizeifahrzeugs. Hier mutiert der edle Fleetwood Sixty Special plötzlich zum US-Sheriff-Fahrzeug im klassischen „Black & White“-Look samt roter Dach-Rundumleuchte und einem dicken, stilisierten Stern auf der Vordertür. Spätestens hier darf der zeithistorisch interessierte Sammler laut schmunzeln: Dass ein US-County in den Fünfzigern sein knappes Budget für das sündhaft teure Cadillac-Topmodell geplündert hätte, um damit auf staubigen Highways Temposünder zu jagen, gehört wohl eher ins Reich der Hollywood-Fantasie. Die echten Cops mussten sich bekanntermaßen mit deutlich profaneren Fords, Chevrolets oder maximal einem Buick begnügen. In der Realität blicken wir hier natürlich auf das klassische Phänomen des „Formenmelkens“: Der Formenbau für das Fleetwood-Luxusschiff war teuer, und um die Entwicklungskosten wieder einzuspielen, muss die Form maximal variantenreich ausgereizt werden. Für den typischen Modellbahner, der einfach nur ein bisschen klischeehaftes „Route 66“-Flair für seine Anlage sucht, reicht diese optische Illusion vollkommen aus. Ein hübscher, wenn auch fiktiver Hingucker bleibt der „Prunk-Cop“ für die Vitrine allemal!
Text und Fotos: Andreas Plogmaker; Vorbildfotos: Andreas Kaluzny; Sheriff-Bild und Farbquartett: Brekina/Model Car World